PENTACON SIX TL

Leseprobe ORIG.-Magazin "PENTACON SIX TL"

Faszination Mittelformat zum kleinen Preis. Dafür stand und steht die traktorenhaft robust erscheinende Konstruktion aus dem Arbeiter- und Bauernstaat

 

 

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Im Osten stellte die große 6x6 Rollfilm-Systemkamera das anspruchsvolle Gerät für den professionellen Lichtbildner dar. Im Westen war die Six vor 1989 eher so etwas wie die Hasselblad für Studenten und sonstige Hungerleider. Denn für die Preisbewussten unter den Mittelformat-Fans gab es ja noch die verlockenden japanischen Offerten von Mamiya über Ashai Pentax und nicht zuletzt Zenza Bronica.

Nach der Wende bekam man die Pentacon-Kameras regelrecht hinter - hergeworfen. Inzwischen hat sich das Preisgefüge stabilisiert, günstig sind die Mittelformat-Ostler nach wie vor. Für eine komplette Kamera inklusive Objektiv werden selten mehr als 150 Euro bezahlt. Und dann muss der Apparat funktionieren und proper in der Auslage stehen. Leseprobe ORIG.-Magazin "PENTACON SIX TL"Wenn schon analoge Fotografie im Digital-Zeitalter, dann bitte schön Mittelformat. Im Falle des quadratischen Aufnahmeformats der Pentacon Six macht das eine Fläche von 56 mal 56 Millimeter. Da kann man in Sachen Pixel und Auflösung auch mit den Flaggschiffen der digitalen Zunft locker mithalten. Mit zwölf Aufnahmen pro Rollfilm steht die Devise "Klasse vor Masse" von vorneherein fest. Bewusstes Komponieren und überlegtes Auslösen intensiviert das Erlebnis Mittelformat. Konzentriertes Gestalten statt digital-inflationäres Bildersammeln im Bruchteil von Sekunden betont wieder den Wert des Augenblicks.

Dass an diesen hehren Grundsätzen tatsächlich etwas dran ist, macht die wuchtige Ost-Mittelformat beim Blick durch den Lichtschachtsucher überdeutlich.

Rollfilm

Rollfilm

Anders als der Patronen-Kleinbildfilm wird der Rollfilm beim Vollknipsen von einer Spule zur gegenüberliegenden umgewickelt. Damit der Film beim Einlegen und Wechseln nicht belichtet wird, ist er mit einem lichtdichten Papierstreifen hinterlegt. Das alles macht den Rollfilm störrisch. Aus diesem Grund ist die Konstruktion der Filmbühne bei einer Mittelformat-Kamera eminent wichtig. Die Pentacon Six hat in dieser Beziehung einen Konstruktionsmangel. Der Film liegt in der Bühne nicht sauber plan. Spezialisten können den Fehler mit Überarbeitung beheben. Zu empfehlen für absolute Six-Liebhaber.

Das Standardobjektiv mit seiner hohen Lichtstärke von 2,8 und der klassen - üblichen 80 Millimeter Brennweite liefert bei Offenblende vor allem im Nahbereich einen wunderschön knappen Schärfe bereich mit luftig fliehenden Unschärfen. Durch den Aufblick-Lichtschachtsucher hält man die Kamera zudem zwangsläufig anders als die gewohnte Spiegelreflex. Man gewinnt automatisch neue Blickwinkel und ist erstaunt, wie Allerweltsmotive im Sucher zur "Kunst" werden. In der Tat, diese Kamera ist höchst inspirierend. Das haben auch bereits manche Digitalis bemerkt, die diese Kamera als reines Durchblickgerät zweckentfremden. Sie fotografieren einfach das Sucherbild der Six und erzielen damit eindrucksvolle Effekte.

Für die Kamera gibt es übrigens auch noch ein unförmig klobiges Aufsatzprisma für die übliche horizontale Spiegelreflex-Einsicht. Mit dem schlichten Lichtschacht geht man dem Charakter der Six aber besser auf den Grund, auch wenn das Sucherbild nur etwa 70 Prozent des tatsächlich aufgenommenen Bildes zeigt. Für Direkt-Durchblicker gibt es übrigens die Möglichkeit, den Lichtschacht mit ein paar Handgriffen auf einen völlig linsenfreien Sportsucher umzustellen. Da - mit gibt's Blickfeld pur.

Nichts als Begeisterung für die Pentacon Six also? Jein. Die Kamera hat gewissermaßen eine starke und eine schwache Seite. Die Stärken liegen auf Seiten der durchweg sehr ordentlichen Objektive. Besonders das optionale 2,8/180er ist ein Portraitglas, dem man verfallen kann. Die schwache Seite der Pentacon Six ist das Gehäuse. Es hat seine Eigenheiten und Wehwehchen. Der Filmtransport arbeitet nicht immer zu - verlässig. Es kommt zu Überlappungen der einzelnen Aufnahmen.
Seine Macken hat auch der schwere Tuchverschluss. Kälte mag er überhaupt nicht, dann laufen sämtliche Verschlusszeiten zu lang ab.

Alte Kameras verkaufen

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Erstens: Wenn Sie alte Apparate verkaufen möchten, lassen Sie sich Zeit und machen Sie sich kundig. Zweitens: Der lokale Fotohändler zahlt Ihnen nur ein Spottgeld. Drittens: Zubehör kann für Sammler interessanter sein als die Kamera. Viertens: Kontaktieren Sie bei echten Raritäten ein Auktionshaus. Fünftens: Verkäufe über ebay spiegeln gut die Preissituation. Bei hochpreisigen Geräten fallen aber hohe Gebühren an. Sechstens: Auf Fotobörsen lauern Profis, die Ihnen die Teile billig abluchsen wollen. Siebtens: Allerwelts-Autofokuskameras aus den achtziger Jahren werden nie Sammlerkameras.

Die Planlage der von Haus aus widerspenstigen Rollfilme auf der Filmbühne ist zudem nicht optimal, die tatsächlich erzielte Schärfeleistung bei offener Blende deshalb mitunter höchst bescheiden. Dass sich die Belederung des Gehäuses gerne ablöst, ist da fast schon eine Lappalie. Gleichwohl gibt es Pentacon Six, die im Großen und Ganzen recht klaglos arbeiten. Einmal von der Kälteproblematik abgesehen, die generell gilt – auch für die westdeutschen Exakta 66-Ableger.
Wer sich also für diese Kamera entscheidet, der kauft sie am besten aus der Hand eines Spezialisten, der ihr die genannten Schwachpunkte durch penible Justier- und Servicearbeit abgewöhnt hat. Das kann ein Privatier oder ein Profi sein. Auf Fotobörsen oder im Internet finden sich eingeschworene Pentacon Six-Versteher. Wer sich die Pentacon Six auf gut Glück im bekannten Internet-Auktionshaus auspickt, der sollte die Beschreibung der angebotenen Kamera genau beachten. Werden die genannten Schwachpunkte nicht explizit erwähnt und die Six nicht garantiert als voll funktionstüchtig angeboten, dann bekommen Sie aller Wahrscheinlichkeit nach eine Baustelle ins Haus.

pentacon 05
DATEN: PENTACON SIX TL

Bauzeit: 1969 bis 1990
Typ: Mittelformat-Spiegelreflexkamera
Film: 120 und 220 Rollfilm
Objektiv: Zeiss Jena 80 mm/f 2,8
Verschluss: Tuch, B, 1 bis 1/1000 sec
Marktpreis 2012: rund 150 Euro mit Objektiv

FAZIT: Urwüchsiges, voll mechanisches Mittelformat-Monstrum. Hat seine Marotten, die nerven können. Eher ein Fall für bastelnde Freaks als für anspruchsvolle User

 

PENTACON SIX TL

 

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